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Mehr als 1000 Menschen haben sich 2020 hilfesuchend an den Wendepunkt gewandt

Die Zahl der Beratungsanfragen ist vergleichbar hoch wie im Vorjahr – und das trotz des Lockdowns und der damit verbundenen Kontaktbeschränkungen. Das geht aus dem Tätigkeitsbericht für 2020 hervor, den der Wendepunkt e.V. heute vorgestellt hat.

Dabei weisen die Zahlen über das Jahr verteilt deutliche Schwankungen auf. So gab es während der Kita- und Schulschließungen wesentlich weniger Hilfeanfragen als sonst. „Das liegt vor allem daran, dass es oft die pädagogischen Fachkräfte in den Kitas und Schulen sind, die sich an uns wenden, wenn sie vermuten, dass ein Kind Hilfe benötigt“, erklärt Dirk Jacobsen, Geschäftsführer des Wendepunkt e.V. „In dieser Zeit haben wir uns große Sorgen gemacht, inwieweit es gerade Kindern und Jugendlichen möglich ist, sich Hilfe zu suchen. Ohnehin belastete Familiensysteme standen und stehen durch die Situation unter besonderem Druck – dadurch steigt die Gefahr von häuslicher und familialer Gewalt. Durch die soziale Distanz und Isolation sind Opfer den Tätern im direkten Umfeld viel stärker ausgesetzt und Übergriffe werden nicht so schnell bemerkt.“

Nach den Sommerferien sind mit der Öffnung der Kitas und Schulen die Beratungsanfragen auch prompt rasant angestiegen – es wurde sichtbar, wo in der Zeit des Lockdowns Probleme aufgetreten sind.

Insgesamt 1029 Hilfeanfragen haben 2020 den Wendepunkt erreichbar – vergleichbar viele wie im Vorjahr. Da es zum Ende des Jahres wieder zu Schließungen kam, ist aber nicht auszuschließen, dass Fälle noch nicht sichtbar wurden. „Wir befürchten, dass die Zahlen nochmal ansteigen werden, wenn sich die Situation wieder normalisiert. In den vergangenen Wochen, in denen die Schulen und Kitas wieder teilweise geöffnet hatten, haben wir auch wieder sofort einen deutlichen Anstieg an Hilfeanfragen erlebt“, berichtet Sascha Niemann, Leiter des Fachbereichs Traumazentrum und Beratung. „In Familien, in denen die Situation schon vorher prekär war, hat die Pandemie wie ein Brandbeschleuniger gewirkt.“

Es gab insgesamt 554 Fallanfragen an das Traumazentrum und die Interdisziplinäre Trauma-Ambulanz des Wendepunktes. 173 Anfragen betrafen dabei die Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt. Diese Zahl ist fast identisch zum Vorjahr – während in ganz Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr laut Kriminalstatistik der sexuelle Missbrauch von Kindern um erschreckende 15,8% zugenommen hat.

Die Pandemie hat aber auch Familien stark belastet, die vorher nicht auffällig waren. „Homeoffice und Homeschooling, finanzieller Druck durch Kurzarbeit, das fehlende Netzwerk an Freizeitangeboten – wir sehen, dass sich vermehrt Familien beim Jugendamt melden und sagen: wir schaffen das einfach nicht mehr“, berichtet Frauke Schöffel-Raecke, Leiterin des Fachbereichs Erziehungs- und Familienhilfen. Insgesamt 105 Maßnahmen wurden in diesem Fachbereich übernommen – ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr (74 Maßnahmen).

Wie in allen Fach- und Arbeitsbereichen des Wendepunktes wurden auch bei den Erziehungshilfen neue Wege gesucht, um mit den Familien in Kontakt zu bleiben. Beratungen wurden per Telefon oder Video-Chat durchgeführt, es gab gemeinsame Spaziergänge und spezielle Angebote für die Kinder.

In Notfällen waren aber stets auch persönliche Kontakte und Beratungen möglich.

In dem Fachbereich Ambulante Rückfallprophylaxe und Täterarbeit sind die Beratungszahlen etwas angestiegen. Hier spiegelt sich ein Trend wieder, der auch in der Kriminalstatistik deutlich zu sehen ist: die Verbreitung kinderpornografischer Schriften in Schleswig-Holstein hat gegenüber dem Vorjahr um 33,4 % zugenommen. Schon 2019 gab es hier einen vergleichbaren Anstieg.

In dem Bereich Prävention sind durch die langen Schließungen im vergangenen Jahr bedauerlicherweise viele präventive Projekte und Veranstaltungen ausgefallen. Auch hier haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Wendepunktes nach neuen Kontaktmöglichkeiten und Informationswegen gesucht – über Newsletter, Social Media, Podcasts und Online-Angebote. In den Zeiten der Öffnungen konnten insgesamt 124 Präventionsmaßnahmen vor Ort durchgeführt werden.

„In Zeiten der sozialen Distanz ist es besonders wichtig, auf Hilfsangebote für Kinder, Jugendliche und Familien hinzuweisen“, betont Dirk Jacobsen. „Wir sind als Gesellschaft aufgefordert, aufmerksam zu sein und hinzugucken, ob irgendwo Hilfe benötigt wird. Und gegebenenfalls Hilfe zu holen und Unterstützung anzubieten. Es wird auch dann, wenn wir wieder zu mehr Normalität zurückkehren können, eine höhere Aufmerksamkeit gerade für die Kinder und Jugendlichen benötigen. Kinder müssen bestimmte Entwicklungsschritte machen, die in dieser herausfordernden Zeit vielleicht nicht möglich waren. Da müssen wir uns fragen, wie wir diese Entwicklungsschritte wiederaufarbeiten können.“